Ihre Werke

Sophie Haemmerli-Marti veröffentlichte, angespornt durch Professor Jost Winteler, zuerst Kinder- und Muttergedichte (Mis Chindli), von denen viele vertont wurden und Eingang ins Volksliedgut fanden.

Es folgten Gedichte aus der Welt der Erwachsenen und Gedichte mit philosophischem Inhalt (Läbessprüch) in Schweizerdeutsch. Mit ihrem Prosa-Band „Mis Aargäu“ hat sie Massstäbe für vollendete Mundart-Dichtung geschaffen und dafür 1939 auch einen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung erhalten.



Eusi zwöi Chätzli

Jo eusi zwöi Chätzli
Sind tusigi Frätzli,
Händ schneewissi Tätzli
Und Chreueli dra.

Händ spitzigi Öhrli
Und sidigi Hörli,
Und s goht e kes Jöhrli,
So föhnd si scho a:

Si schliche durs Hüsli
Und packe di Müsli
Und ploge si grüsli -
Wer gsechenes a?

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Obsi ha, de Flüene zue!
Sini Fäcke wit vertue,
Wine Adler s Gschmeus verachte,
D Freiheit über alles achte.
Immer vo de Alte lehre,
I de Junge d Möntsche ehre.
Eisder bi der Woret blibe,
Für sis Gwüsse chönne lide.
Lache, wenns eim wott verrisse,
I die surschte Öpfel bisse.
D Bräschte a der Sunne gheile,
Nume vorem Herrgott chneule.
Sini Brüedere nid hasse,
Mitem Heilige nid gspasse.
I de böse Geischtere wehre
Und die guete nid verstöre.
Graduf dur sis Läbe goh,
immer imene Wunder no.

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Drei Stärne

Mir händ nid Leue und Bäre,
Nid Stier und Adler im Fäld.
Mir händ drei silberigi Stärne,
Die glitzere use i d Wält!

Der eint stoht über der Aare
Und em alte Habsburgerschloss,
Er weis vo de Römerschare,
Vo Kaiser- und Rittertross.

De zwöit chönnt öppis verzelle
Vo vergangniger Chloschterpracht,
Vo glehrte Mönch i de Zälle,
Vo der trurige Villmärgerschlacht.

D dritt schint überem Stalde
Und änenabe zum Rhi:
Über grüeni Hübel und Halde
Wänd d Fricktaler Meischter si.

Und alli drei silberige Stärne,
Si zünde heiter vorus
Und wache überem Schärme
Vom farbige Schwizerhus.

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Schneeglöggli lüt!

Schneeglöggli lüt,
De Früelig chunnt no hüt.
Er het es Chränzli ufem Chopf
Und i der Hand e guldige Stock.
Schneeglöggli lüt,
De Früelig chunnt no hüt.

Schneeglöggli lüt,
De Winter isch scho wit.
Er isch verstört zum Land us grönnt,
Und d Sunne het em Löcher brönnt.
Schneeglöggli lüt,
De Winter isch scho wit.

Schneeglöggli lüt,
Es git en anderi Zit,
Voll Finkeschlag und Merzestaub
Und Chriesibluescht und Buechelaub.
Schneeglöggli lüt,
Es git en anderi Zit. 

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D Liebi

S git öppis, s isch finer
As s allerifinscht Gwäb,
Und doch isch es stercher
As isigi Stäb.
S isch früscher as s Bluescht, wo am Öpfelbaum stoht,
Wie Schnee uf de Bärge, wo nümme vergoht,
Bald bitter wi Galle,
Bald süesser as Hung,
S läbt mängs hundert Johr und blibt allewil jung,
S isch höcher as d Stärne
Und teufer as s Meer:
Was müesst mer au afoh, wenn d Liebi nid wer!

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Wone Freud durs Läbe goht,
Gschwind es Leid dernäbe stoht.
Möchtisch goge Blüemli günne,
Nimm si hüt, morn sind si nümme.
Hämmer is d Auge gseh,
Müemmer wider Abschid neh.

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Ebigs Für

S Bluescht verweiht, und d Zit verrünnt.
S git es Für, wo ebig brünnt,
S git en Glascht, wo nie vergoht:
D Liebi zündt no übere Tod.



Bücherliste:

Mis Chindli   Ein Liederkranz für junge Mütter, Henckell, Zürich 1896

Grossvaterliedli  Francke, Bern 1913

Wienechtsbuech   Francke, Bern 1913

Im Bluescht   Gedichte, Francke, Bern 1914

Allerseele   Gedichte, Orell Füssli, Zürich 1928

Is Stärneland   Versbilderbuch, Schwabe, Basel 1933

Gaggaggah und Güggerüggüh   Tierbilderbuch, Schwabe, Basel 1933

Silhouette   Ein Jugendbild von Max Bircher-Benner. In der Festschrift zu dessen 70. Geburtstag. 1937

Mis Aargäu   Land und Lüt us miner Läbesgschicht, Sauerländer, Aarau 1938

Läbessprüch   Gedichte, Sauerländer, Aarau 1939

Rägeboge   Gedichte, Sauerländer, Aarau 1941

Franklin Wedekind auf der Kantonsschule. Aarauer Neujahrsblätter 1942

Passionssprüch   Gedichte (posthum), Sauerländer, Aarau 1942

Gesamtausgabe.   Im Auftrag der Regierung des Kantons Aargau herausgegeben von Carl Günther, Sauerländer, Aarau, 1953: 1. Band: Chindeliedli; 2. Band: Zit und Ebigkeit; 3. Band: Mis Aargäu.

Ebigs Für   Ausgewählte Werke mit Biografie in Wort und Bild, Hrsg. von Claudia Storz et. al., Baden 2003, ISBN 3-85545-867-7

Titelblatt "Mis Chindli" (Erstauflage 1896)